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Schoenheit in Zeiten der Krise

Eine Frage, die mich in den letzten Tagen wirklich umtreibt: »Ist es legitim sich mit schönen Dingen zu beschäftigen, wenn um einen herum alles zusammenbricht?« Darf ich mich, guten Gewissens, mit Stoffen, Mustern, Farben beschäftigen? Oder ist es reiner Eskapismus, ohne Bezug zur Realität? Darf ich mich mit ästhetischen Fragen beschäftigen, wenn sich die Welt und meine Mitmenschen, in einer beipiellosen Krise befinden? Ist es gerade wirklich wichtig sich mit Mustern von Kissen zu beschäftigen ....?

 

Unsere Wertmaßstäbe werden in diesen Tagen ständig neu verhandelt, die Leichtgkeit ist weg, der Konsum steht in Frage. Der Hedonismus auch.

Aber, frage ich mich, bin ich nicht auch mir selbst verpflichtet, nicht zu verzweifeln, nicht in Trübsinn zu verfallen, mich selber bei Laune zu halten? Was hält mich aufrecht, was lässt mich morgens aufstehen?

Als Designerin interessiert mich Farbe und Form, begeistere ich mich für Kunst, für Musik, für Menschen, denen es gelingt mich mit Ästhetik und Themen zu berühren. Kurz gesagt, Schönheit und Fragen der Ästhetik sind für mich elementar. Aber sind dieses Dinge, angesichts von Tod und Verderben, nicht hohl und flüchtig?

 

Als vor etwa zwei Wochen die Krise so langsam spürbar wurde, und mein Besuch in München auf der Stoffmesse mittendrin beendet wurde, beschlich mich das erste Mal ein mulmiges Gefühl, dem bisher viele weitere gefolgt sind. Mein erster spontaner Gedanke war, nix wie weg, ich will nach Hause, in meine gewohnte Umgebung. Aber dann nach einer kurzen Denkpause, als ich mich wieder gesammelt hatte, beschloss ich zu tun, was ich bei jedem München Besuch tue, ich geh ins Lenbachhaus und besuche mein liebstes Bild, den Tänzer von Alexej von Jawlensky . Also bin ich durch die, schon fast menschenleeren, Räume geschlendert, vorbei an den wunderbaren Gemälden des »Blauen Reiters«, und habe gemerkt, wie ich zur Ruhe kam. Ich habe den Tänzer begrüsst und, wie immer, die Energie gespürt, die das Bild für mich aussendet. Und das meine ich definitiv nicht esoterisch, der Ausdruck und die Leidenschaft mit der der Pinsel »geschwungen« wurde, reissen mich einfach mit, auch bei meinem 25. Besuch. Schönheit kann trösten!

 

Je länger ich beim Schreiben über die Frage nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss, dass ich nicht auf die Beschäftigung mit schönen Dingen verzichten kann und auch nicht will.

Ich will neue Muster entwickeln, ich will mich an Farben erfreuen, ich will mich von Kunst trösten lassen. Apropos Kunst, zur Zeit lese ich die gerade erschienene, ungemein spannende Biographie von Hilma af Klint. Die 1862 in Schweden geborene Malerin, gilt als die Erfinderin der abstrakten Malerei, vor Mondrian und Kandinsky, nur wurde ihr bis noch nicht allzu langer Zeit, die Anerkennung als Revolutionärin der Malerei auch allein deswegen verwehrt, weil sie ein Frau war. Ihre BIlder sind absolut hinreissend und sehr inspirierend, das fanden übrigens auch die ca. 600.000 Besucher ihrer Ausstellung 2018 im Guggenheim Museum in New York. Also wer noch einen Lesetipp braucht, kann ich sehr empfehlen.

 

Aber zurück zur Frage, Eskapismus vs. Krise? Das Eine ist ja, sich schöne Dinge anzuschauen, das Andere ist selber welche zu produzieren. In meinem letzten Blogpost ging es um die alles entscheidende Frage der Inspiration. Also woher sie in diesen finsteren Zeiten nehmen, die Inspiration, die Leichtigkeit, den Mut und die Leidenschaft? Darauf kann ich euch leider keine Antwort geben, das ist sicher für jeden verschieden, und auch schon in guten Zeiten manchmal ein harter Kampf … Aber ich habe beschlossen, dass ich diesen Kampf aufnehmen will. Oder um es weniger martialisch auszudrücken, ich will es jeden Tag aufs Neue versuchen. Und ich möchte euch dran teilhaben lassen, an meinen Ergebnissen auf Instagram. Niemand weiß zum jetzigen Zeitpunkt, wielange dieses furchtbare, winzige, zerstörerische Ding, namens Corona, uns noch in Geiselhaft gefangen halten wird, aber meine Kreativität wird es nicht kleinkriegen. Das verspreche ich euch, und natürlich auch mir selbst. Und es ist ja auch nicht vollkommen auszuschliessen, dass irgendwann im Rückblick, diese furchtbaren Monate, auf ihre eigenen Art, eine produktive Zeit waren, wer weiß….

 

Schreibt mir gerne, wie ihr das seht. Ich freu mich auf eure Kommentare.

 

Bleibt gesund!

Liebe Grüße

Gabriele

 

Hier nochmal der Buchtipp:

Julia Voss

»Hilma af Klint«

erschienen bei S. Fischer

476 Seiten kosten 25 €

 

 

Beauty in times of crisis

 

A question that has really bothered me in the last few days: "Is it legitimate to deal with beautiful things when everything collapses around you?" Can I, with a clear conscience, deal with fabrics, patterns, colors? Or is it pure escapism, without relation to reality? May I deal with aesthetic questions when the world and my fellow human beings are in an unprecedented crisis?

 

Our values are constantly being renegotiated these days, the ease is gone, the consumption is in question. Hedonism is too.
But, I wonder, am I not also obliged to myself not to despair, not to fall into gloom, to keep myself happy? What keeps me going, what makes me get up in the morning?
As a designer I am interested in color and shape, I am passionate about art, music, people who manage to touch me with aesthetics and topics. In short, beauty and aesthetic issues are fundamental to me. But aren't these things hollow and volatile in the face of death and doom?

When the crisis was slowly becoming noticeable about two weeks ago and my visit to Munich at the fabric fair ended unexpectedly, I felt a queasy feeling for the first time, which many others have followed so far. My first spontaneous reaction was, I want to go home, to my familiar surroundings. But then after a short pause for thought, when I had calm down again, I decided to do what I do every time I visit Munich, I go to the Lenbachhaus and visit my favorite picture, the dancer by Alexej von Jawlensky. So I strolled through the almost deserted rooms, past the wonderful paintings of the "Blauer Reiter", and noticed how I came to rest. I greeted the dancer and, as always, felt the energy that the image sends out for me. And I definitely don't mean it esoterically, the expression and the passion with which the brush was "swung" simply sweep me away, even on my 25th visit. Beauty can comfort!

The longer I think about the question while writing, the more I come to the conclusion that I cannot and do not want to be without working on beautiful things.
I want to develop new patterns, I want to enjoy colors, I want to be comforted by art. Speaking of art, I am currently reading the recently published, extremely exciting biography of Hilma af Klint. The painter, born in Sweden in 1862, is considered the inventor of abstract painting, before Mondrian and Kandinsky, but until recently she was denied recognition as a revolutionary in painting because she was a woman. Her pictures are absolutely gorgeous and very inspiring, which, incidentally, was also found by the approx. 600,000 visitors to her exhibition in 2018 at the Guggenheim Museum in New York.

But back to the question, escapism vs. Crisis? One is to look at beautiful things, the other is to produce something yourself. My last blog post dealt with the all-important question of inspiration. So where do they come from in these dark times, inspiration, lightness, courage and passion? Unfortunately I can't give you an answer to that, it is different for everyone, and sometimes even a tough fight in good times ... But I decided that I want to start this fight. Or, to put it less martially, I want to try again every day. And I want you to follow (if you like) my results on Instagram. No one knows at this point in time how long this terrible, tiny, destructive thing called Corona will keep us hostage, but my creativity won't get it down. I promise you, and of course myself, too. And it cannot be completely ruled out that, in retrospect, these terrible months, in their own way, were a productive time, who knows ...

 

Feel free to write me how you see it. I look forward to your comments.

 

Stay healthy!
best regards
Gabriele

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Comments: 1
  • #1

    Susanne (Saturday, 28 March 2020 09:17)

    Im Barock haben die Menschen ja aus gutem Grund das Leben, das Bunte und Schöne gefeiert. Kunst und Gestaltung erinnert uns an das, was uns als Mensch wirklich ausmacht. Ich freue mich via Instagram täglich an Deinen Farben und Formen! Und jetzt erst recht!

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